The Church of Bob Marley
Die Verwandlung Bob Marleys vom ersten Superstar der Dritten Welt in eine weltweite Kulturikone vom Schlag eines Che Guevaras kann unmöglich nur mit seinen Platten erklärt werden. Sicher, dass sein Andenken fast 30 Jahre nach seinem Tod noch immer laut und deutlich aus allen Winkeln der Erde widerhallt, hat viel mit den leicht als humanistisch auslegbaren Prinzipien zu tun, die er verkörperte und in seinen universal verständlichen, und allein schon deswegen genialen Lyrics zum Ausdruck brachte. Auch der Zauber des Revolutionärs, der das System herausforderte und alle Attribute eines Rockstars aufzubieten hatte – das lange Haar, die Gitarre um den Hals, die erhobene Faust, der schamlose Umgang mit Drogengesetzen und der Ruf des unwiderstehlichen Womanizers –, wirkt lange nach.
Doch dass Bob Marley heute als Heiliger verehrt wird, dessen Gospel von Millionen von Evangelisten in den Fußgängerzonen dieser Welt zur Akustikgitarre verkündet wird, dessen Hoffnung spendende Wirkung höchstens, und das auch nur kurzfristig vom gerade neugewählten Präsidenten der USA (dessen Triumph in die gleiche Woche fällt wie die Entstehung dieser Zeilen) erreicht wird, dass es also überhaupt nicht abwegig erscheint, wenn Will Smith in „I Am Legend“ zu den Heilsversprechen von „Three Little Birds“ durchs ausgestorbene New York geistert, ist vor allem einer Vermarktung zu verdanken, die auch nichts anderes im Sinn hat als all die Strategien der in Krisenzeiten noch mehr als sonst verhassten Vorstände der Corporate World. Nur so konnte ein Image kreiert und verbreitet werden, das seinen sehr wohl komplexen Träger auf zwei, drei Eckpunkte – „One Love“, Ganja, Eierkuchen – reduziert und ansonsten auf Mythen und Legenden basiert, der kein real existierender Mensch standhalten kann. Wie sonst ist zu erklären, dass Zeitgenossen wie Peter Tosh oder Dennis Brown außerhalb eng umrissener Reggae-Kreise der Obskurität anheim gefallen sind, während Bob Marley als Verkörperung einer so komplexen Kultur wie Reggae gilt?
Das ist ein Grund dafür, dass es in 40 RIDDIM-Ausgaben kaum je um Bob Marley gegangen ist. Abgesehen davon, dass wir ohnehin nicht gewusst hätten, wie wir diesem Monster von einem Phänomen in einem einzelnen Artikel, egal wie lang, hätten gerecht werden sollen, ging es vor allem darum, den „echten“ Reggae (und dazu zählt auch Dancehall) mit all seinen Faszinationen und Widersprüchen hinter den hauptsächlich durch die Marley-Rezeption perpetuierten Klischees hervorzuholen. Doch jetzt wollten wir uns nicht länger drücken. Und weil klar war, dass eine reguläre Ausgabe, wo es immer auch um aktuelle Veröffentlichungen und Ereignisse geht, der falsche, weil zu enge Rahmen für ein solches Unterfangen ist, musste diese Sonderausgabe her. Zwar haben wir das Rad nicht neu erfunden – auch uns ist es nicht gelungen, Bob Marley vollkommen unberührt von all dem Ballast zuleibe zu rücken, der ihn umgibt –, doch haben wir versucht, die Mythen und Legenden weitgehend zu umschiffen, indem wir hauptsächlich mit Autoren gearbeitet haben, die aus erster Hand über Bob Marley berichten können, Menschen wie Barbara Blake Hannah, Vivien Goldman, Chris Salewicz, Roger Steffens, David Katz und John Masouri, die ihn kennen gelernt und/oder mit Leuten gesprochen haben, die zu seinem engsten Freundeskreis gehörten, etwa mit seinem Bredrin Bunny Wailer, der vergessenen Wailers-Sängerin Beverly Kelso, seinem Arzt Carlton „Pee Wee“ Fraser, seiner Muse und Lieblingsfreundin Cindy Breakspeare, seinem Produzenten Lee Scratch Perry, seinem Bassisten und Arrangeur Aston „Family Man“ Barrett u.v.a. Neben diesen Artikeln, die zusammen ein – zugegeben löchriges – biografisches Bild zeichnen, gibt es Analytisches von Autoren, die sich so leicht nicht beeindrucken lassen von dem Bild, das die Welt von Bob Marley hat. Carolyn Cooper etwa, die in ihrer literaturwissenschaftlichen Art Rita Marleys Autobiografie gegen den Strich gebürstet hat. Oder Mike Alleyne, der die Verpackung der Musik, die Albumcover der Island-Jahre unter die Lupe genommen hat. Oder Mel Cooke, der in seinen gewohnt bissigen Kommentaren Marley mit der Gegenwart abgleicht. Dazu gibt es jede Menge Bits & Piece für Sammler und Fans, Reviews für die Spätgeborenen und eine DVD, die zwar nicht Bob Marley selbst zeigt – da war die Vermarktungsmaschine von Rita Marley und Chris Blackwell vor, die ohne einen Heftpreis von mindestens 20 Euro nicht zu überwinden gewesen wäre – dafür aber weitere Zeitzeugen wie die Wailers-Musiker, Peter Tosh und Judy Mowatt in Ton und Bild zu Wort kommen lässt. Dass es neben all dem noch immer Aspekte gibt, die auf den folgenden 120 Seiten nicht angesprochen sind – vor allem Marleys Verhältnis zu und Bedeutung für Rasta sowie eine tiefere Auseinandersetzung mit seinen Lyrics – ist bei allem Unmut zur Lücke in gewisser Weise beruhigend, lässt es der Redaktion doch die Möglichkeit, auch in Zukunft nicht annähernd mit Bob Marley abzuschließen. Es bietet sich also noch irgendwann die Gelegenheit, ausführlich über das Mekka aller Marley-Pilger in Nine Miles, Jamaika, zu berichten, wo man seit neuestem die Schuhe ausziehen muss, bevor man den Schrein der Church of Bob Marley im Mausoleum besichtigen darf.
One Love, die Redaktion mehr